Im Gespräch mit Emanuel Graf, reformierter Spitalpfarrer am Universitätsspital Zürich (USZ)
Interview: Claudia Kohli, Geschäftsleiterin Kompetenzzentrum Seelsorge im Gesundheitswesen (KSiG)
Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana wurden im Universitätsspital Zürich viele schwer verletzte Personen behandelt. Für Angehörige begann eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen, für die Mitarbeitenden eine Phase ausserordentlicher Belastung – unter hohem Zeitdruck und bei laufendem Betrieb. Emanuel Graf ist Spitalseelsorger am Universitätsspital Zürich. Am 1. Januar war er im Care Team im Einsatz (sog. FaoL Care Team USZ) und koordinierte die Betreuung jener Menschen, die nach Zürich kamen, um nach ihren Angehörigen zu suchen. Anschliessend unterstützte er als Spitalseelsorger die Behandlungsteams auf den Stationen. Im Gespräch beschreibt er, wie auf notfallpsychologische Interventionen eine seelsorgliche Begleitung folgt – und was Seelsorge im Gesundheitswesen konkret bedeutet.
Emanuel, du bist seit 2021 Spitalseelsorger am USZ und zuständig für Abteilungen, die nun besonders betroffen sind. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Ich war von Anfang an involviert. Zuerst im Care Team, das am 1. Januar im Einsatz war. Dort habe ich den Einsatz für jene Menschen koordiniert, die ans Universitätsspital Zürich gekommen sind, um nach ihren Angehörigen zu suchen. Diese Phase war geprägt von grosser Unsicherheit. Viele wussten nicht, ob ihre Liebsten unter den Verletzten sind, in welchem Zustand sie sind oder ob sie überhaupt im Spital angekommen waren.
Wie ging es für dich nach dem Einsatz im Care Team weiter?
Bereits am Abend des 2. Januar habe ich die Behandlungsteams über meine Präsenz am Folgetag informiert. Ich bin ich zu den Teams auf den besonders betroffenen Stationen gegangen. Sie hatten eine ausserordentliche Situation zu bewältigen und es war wichtig, als Spitalseelsorger präsent zu sein. Ich nahm an Übergabenrapporten teil und informierte über mögliche Belastungsreaktionen.
Das Care Team und das Seelsorgepikett begleiteten über das Wochenende weiterhin die Angehörigen. Seit Montag sind wir als Seelsorge ebenfalls in Kontakt mit allen Angehörigen und begleiten sie nun über längere Zeit. Die Patientinnen und Patienten selbst sind grösstenteils noch nicht ansprechbar.
Wie erlebst du diese Situation für die Mitarbeitenden, gerade weil der Spitalbetrieb weiterläuft?
Im Spital steht der Betrieb nicht still. Als Zentrumsspital versorgen wir laufend neue Notfälle und andere schwere Fälle.
Diese Gleichzeitigkeit – eine ausserordentliche Situation und gleichzeitig der normale Betrieb – ist für die Mitarbeitenden sehr anspruchsvoll. Es gibt kaum Zeit, um innezuhalten. Umso wichtiger ist es, dass jemand da ist, diese Belastung wahrnimmt und anspricht.
Was brauchen die Mitarbeitenden in dieser Situation?
Für viele ist es entlastend zu hören, dass ihre Reaktionen normal sind. Gerade im medizinischen Bereich gibt es eine Tendenz, die eigenen Reaktionen sehr schnell zu pathologisieren. Wenn man sagen kann: Diese Emotionen, diese Bilder, diese innere Unruhe gehören zu einer ausserordentlichen Situation, dann nimmt das den Druck.
Oft braucht es dafür keine langen Gespräche. Manchmal reicht ein kurzer Moment, in dem jemand erzählen kann, was ihn beschäftigt, und merkt: Das darf hier Platz haben.
Wie gestaltet sich deine Arbeit mit den Teams in dieser Phase?
Ein grosser Vorteil ist, dass ich meine Stationen und die Menschen dort gut kenne. Wenn ich auf eine Station oder auf den Notfall komme, wissen die Leute, wer ich bin, und ich weiss, wie ihr Arbeitsalltag aussieht. Man muss sich nicht vorstellen, man kann direkt anknüpfen.
Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass sich die Belastung oft erst im Verlauf der Woche zeigt. Am Samstag waren viele noch stark im Funktionsmodus, die Anzahl Operationen war hoch. Wenn das langsam abnimmt, entstehen Räume, in denen Gespräche möglich werden. Dafür bin ich präsent auf den Stationen.
Ihr habt zusätzlich Walk-in-Angebote eingerichtet. Welche Rolle spielen diese?
Es gibt definierte Zeitfenster und Orte, an denen jeweils ein bis zwei Personen präsent sind. Das können Seelsorgende sein, Mitarbeitende aus dem Konsiliarpsychiatrie oder aus der Klinischen Ethik. Das Angebot ist interprofessionell organisiert.
Das ist besonders wichtig für Bereiche wie Anästhesie oder OP, wo ich als Seelsorger im Alltag kaum präsent bin. Solche Formate haben wir bereits in der Coronazeit erprobt. Die damals entstandenen Netzwerke können wir jetzt wieder nutzen.
Seit Montag begleitet ihr auch die Angehörigen kontinuierlich. Was begegnet dir in diesen Begleitungen?
Die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Entscheidend ist oft, ob Angehörige über ein tragendes soziales Netzwerk verfügen oder nicht. Menschen, die gut eingebunden sind, greifen häufig darauf zurück, andere sind stärker auf Begleitung im Spital angewiesen.
Für viele ist es wichtig, Raum zu haben, um zu sprechen. In manchen Situationen begleite ich Angehörige auch zu Gesprächen mit den Behandlungsteams.
Ein Thema ist zudem die Abgrenzung. Wenn sehr viele Unterstützungsangebote aus dem Umfeld kommen, kann das überfordernd werden. Dann geht es auch darum, zuzusprechen, dass man sich abgrenzen darf und nicht jederzeit erreichbar sein muss.
Manche Angehörige sind stark religiös oder spirituell verankert und wünschen sich ein Gebet oder einen stillen Moment. Andere haben vor allem praktische Fragen. Beides hat Platz in der Begleitung.
In deiner Arbeit geht es oft um Übergänge – um Abschied, um Ungewissheit, um Situationen, in denen Worte fehlen. Wie begleitest du solche Momente?
In solchen Situationen können Rituale eine wichtige Rolle spielen. Wir haben Erfahrung damit, Rituale so zu gestalten, dass sie zu den Menschen passen – unabhängig davon, ob sie religiös geprägt sind oder nicht.
Ich erinnere mich an eine Situation auf einer Intensivstation, kurz vor der Extubation einer Patientin. Die Angehörigen wünschten sich ein Ritual, obwohl sie nicht christlich geprägt waren. Ich habe ein Aussegnungsritual verwendet und die Sprache angepasst. Während des Rituals fanden die Angehörigen eigene Worte. Man spürte, dass dieser Rahmen etwas geöffnet hat, was vorher kaum möglich war.
Was wird in solchen Situationen besonders deutlich über deine Rolle als Spitalseelsorger?
Oft geht es weniger um religiöse Inhalte als um Präsenz, um Gespräch und um Orientierung. Ich habe Zeit, zuzuhören, und ich kann helfen, das Erlebte einzuordnen. Manchmal geht es darum, Fragen zu klären, manchmal auch darum, auszuhalten, dass es im Moment keine schnellen oder eindeutigen Antworten gibt.
Dazu gehören eine professionelle Gesprächsführung, ein Gespür für Lebensgeschichten und biografische Zusammenhänge, der Umgang mit ethischen Fragestellungen und mit Übergängen – etwa bei Abschied, Ungewissheit oder Entscheidungsprozessen. Das ist der Kern unserer Arbeit: Wir haben Zeit dafür, und wir sind dafür ausgebildet.
Was hilft dir persönlich, in dieser intensiven Zeit präsent zu bleiben?
Das Team, das diese Arbeit mitträgt, und mein eigenes Umfeld. Und das Gefühl, etwas beitragen zu können – nicht nur betroffen zu sein, sondern wirksam zu handeln.
Wenn du nach vorne schaust: Was wird langfristig wichtig sein?
Für die Angehörigen geht es nun darum, ihren eigenen Umgang mit dieser Erfahrung zu finden. Als Seelsorgende begleiten wir sie dabei nun über längere Zeit. Für die Mitarbeitenden geht es darum, wieder in den Alltag zurückzufinden und zugleich aufmerksam zu bleiben für diejenigen, die weiterhin Unterstützung brauchen. Und vielleicht wird man irgendwann sagen können: Wir haben als Spital viel geleistet. Das darf gesehen werden.
Vielen Dank, Emanuel, für dieses Gespräch.
Nächstes Mal berichten wir aus dem CHUV in Lausanne.

