- Einordnung und Zielsetzung der Konferenz
Mit der ersten nationalen Konferenz des Kompetenzzentrums Seelsorge im Gesundheitswesen KSiG wurde am 19. Januar 2026 in Bern ein gemeinsamer Raum für Austausch, Standortbestimmung und strategische Orientierung geschaffen. Rund 80 Delegierte aus den Mitgliedkirchen der Evangelischen Kirche Schweiz, der römisch-katholischen Bistümer und der katholischen kantonalkirchlichen Körperschaften in der Schweiz sowie diverse Gäste aus anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften, aus Berufsverband und Weiterbildung kamen zusammen, um zentrale Herausforderungen und Perspektiven der Seelsorge im Gesundheitswesen zu diskutieren. Die Konferenz verstand sich bewusst nicht als Ort fertiger Antworten, sondern als Auftakt eines gemeinsamen Lern- und Entwicklungsprozesses. Im Zentrum standen Fragen der gesellschaftlichen Legitimation, der strukturellen Verankerung, der Professionalisierung sowie der zukünftigen Ausrichtung der Seelsorge im Gesundheitswesen.
- Eröffnung und Begrüssung
Catherine Berger und Sabine Stalder eröffneten die Tagung und betonten deren besondere Bedeutung. Erstmals bündeln die Kirchen ihre Verantwortung für die Seelsorge im Gesundheitswesen auf nationaler Ebene. Das Kompetenzzentrum versteht sich dabei als Plattform, die vorhandene Kompetenzen sichtbar macht, vernetzt und stärkt.
Hervorgehoben wurde die grosse Vielfalt der Seelsorge in der Schweiz – sowohl inhaltlich als auch rechtlich. Die föderal geprägten kantonalen Systeme stellen eine Herausforderung dar, spiegeln jedoch zugleich unterschiedliche rechtliche Rahmenbedingungen und gewachsene Strukturen. Bereits zu Beginn wurden zentrale Themen benannt, die den Tag prägen sollten: Finanzierung, Verhältnis von Staat und Kirche, Professionalisierung, inter- und multireligiöse Perspektiven, ambulante Seelsorge, Übergänge im Versorgungssystem sowie psychische Belastungen im Gesundheitswesen.
- Grusswort «Ankommen»
Theres Meierhofer eröffnete ihr Grusswort mit einer persönlichen Perspektive und ordnete die Entstehung des Kompetenzzentrums symbolisch ein. Dass die ökumenischen Verträge nicht in einer Kirche, sondern in einem Pflegeheim unterzeichnet wurden, verdeutlichte die Verortung der Seelsorge mitten im Leben und im institutionellen Alltag.
Sie erinnerte daran, wie sehr ein nationales Kompetenzzentrum in den vergangenen Jahren gefehlt habe – etwa während der Pandemie oder bei nationalen Strategien wie Palliative Care oder Demenz. Die Konferenz markiere ein Ankommen, das zugleich ein Aufbruch sei: hin zu mehr ökumenischer Zusammenarbeit, zur Auseinandersetzung mit moralischem Stress und zu einer gemeinsamen Verantwortung in einem zunehmend komplexen Gesundheitswesen.
- Geschäftlicher Teil: Auftrag und Struktur des KSiG
Im geschäftlichen Teil wurden die organisatorischen, rechtlichen und finanziellen Grundlagen des KSiG vorgestellt. Das Budget 2026 beträgt CHF 180’000 und wird von der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (40 %) sowie der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (60 %) getragen.
Der Auftrag des Kompetenzzentrums umfasst:
- Interessenvertretung auf nationaler Ebene,
- Erarbeitung von Entscheidungsgrundlagen für die Kirchen,
- Vernetzung und Dialog mit Akteuren aus Kirche, Gesundheitswesen und Politik.
Organisatorisch stützt sich das KSiG auf eine Konferenz, einen Steuerungsausschuss, eine Mandatierte sowie thematische Arbeitsgruppen. Fachorganisationen können im Gaststatus beigezogen werden. Ziel ist es, vorhandenes Wissen zu bündeln und nutzbar zu machen.
- Impulsreferat der Nationalrätin Ursula Zybach: Herausforderungen des Gesundheitswesens
Ursula Zybach analysierte die aktuellen Herausforderungen des Schweizer Gesundheitswesens aus politischer, sozialer und persönlicher Perspektive. Sie beschrieb ein System von hoher Qualität, das jedoch zunehmend unter strukturellem Druck steht. Hinter der Fassade eines international anerkannten Gesundheitswesens zeigen sich deutliche soziale Ungleichheiten: Lebenserwartung und Gesundheitschancen hängen in der Schweiz stark vom Bildungsstand und vom sozialen Umfeld ab, teilweise bereits auf Quartiersebene.
Ein zentrales Thema ihres Referats waren die stetig steigenden Gesundheitskosten. Hohe Krankenkassenprämien, Franchisen und Selbstbehalte belasten insbesondere Menschen mit knappen finanziellen Ressourcen, wodurch Krankheit zunehmend als finanzielles Risiko erlebt wird. Dies führt dazu, dass notwendige Leistungen verzögert oder nicht in Anspruch genommen werden. Gleichzeitig stehen Spitäler, Pflegeheime und ambulante Dienste unter wachsendem Effizienzdruck, was die Belastung des Personals erhöht und die Versorgungsqualität gefährdet.
Eng damit verbunden thematisierte Zybach den Fachkräftemangel und den demografischen Wandel. Eine alternde Bevölkerung, steigender Pflegebedarf und die Zunahme chronischer Erkrankungen treffen auf ein Gesundheitssystem, das historisch auf Akutversorgung ausgerichtet ist. Pflegefachpersonen und andere Gesundheitsberufe arbeiten unter hohem Druck, Burnout-Raten steigen, und viele Fachpersonen verlassen den Beruf. Gleichzeitig tragen pflegende Angehörige einen grossen Teil der Versorgung, oft an der Grenze ihrer Belastbarkeit.
Als strukturelles Kernproblem benannte Zybach die Fragmentierung des Gesundheitssystems. Übergänge zwischen Spital, Reha, ambulanter Versorgung und Pflegeheim seien häufig schlecht koordiniert, sodass Patient:innen und Angehörige diese Brüche oft selbst auffangen müssen. Angesichts der wachsenden Komplexität stellte sie die Frage, ob ein System, dessen Grundstrukturen in der Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden sind, heutigen Anforderungen noch gerecht wird.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Zybach den chronischen Erkrankungen und der palliativen Situation. Viele Menschen benötigen langfristige Begleitung statt punktueller Interventionen. Prävention werde zwar breit diskutiert, aber politisch und strukturell zu wenig konsequent umgesetzt. Am Lebensende zeigten sich besonders deutlich die Spannungen zwischen individuellen Bedürfnissen, institutionellen Vorgaben und Kostendruck.
Im letzten Teil des Referats wandte sich Zybach explizit der Rolle der Seelsorge im Gesundheitswesen zu. Sie ermutigte die Anwesenden zu einem anwaltschaftlichen Engagement. Seelsorge könne dort wirken, wo andere Akteure an Grenzen stossen: an Übergängen, an Nahtstellen, in ambivalenten Entscheidungssituationen. Besonders wichtig seien Spitaleintritte, Austritte, Verlegungen, der Übergang ins Pflegeheim sowie die palliative Phase. Zybach plädierte dafür, die Seelsorge im ambulanten Bereich zu stärken, niederschwellige Angebote für überlastetes Pflege- und ärztliches Personal zu schaffen und Menschen mit Ergänzungsleistungen gezielt zu begleiten.
Darüber hinaus forderte sie die Kirchen auf, ihre Rolle selbstbewusst wahrzunehmen: gute Arbeit nicht nur zu tun, sondern auch darüber zu sprechen, sich in politische Prozesse einzubringen, Vernehmlassungen zu nutzen und Lobbyarbeit zu leisten. Die Kirchen verfügten über ein besonderes gesellschaftliches Standing und grosses Potenzial, um menschliche Werte im Gesundheitswesen hörbar zu machen – gerade in einer Zeit, in der finanzielle Argumente immer stärker dominieren. Das Referat schloss mit einem offenen Ausblick und einer Einladung zum Dialog.
- Spotlights aus der Praxis
In neun Spotlights aus verschiedenen Regionen der Schweiz wurden konkrete Praxisbeispiele vorgestellt. Sie machten die Vielfalt der strukturellen, organisatorischen und konzeptionellen Rahmenbedingungen sichtbar, unter denen Seelsorge heute arbeitet. Ziel war nicht der Vergleich von Modellen, sondern das Teilen von Erfahrungen und das Erkennen gemeinsamer Spannungsfelder.
Die Beispiele reichten von ambulanter Begleitung älterer Menschen zu Hause über ökumenisch verantwortete kantonale Modelle, Spitalseelsorge in Universitätskliniken, gemeindenahe Begleitung, Freiwilligenprojekte bis hin zu interkantonaler Zusammenarbeit im Bereich Demenz sowie zur Seelsorge unter laizistischen Bedingungen.
Dabei zeigte sich: Seelsorge wirkt dort besonders, wo sie professionell, verlässlich und partnerschaftlich präsent ist und nicht aus institutionellem Eigeninteresse handelt. In dieser Haltung wird Seelsorge als «Kirche für andere» sichtbar und leistet einen wesentlichen Beitrag zur ganzheitlichen Gesundheitsversorgung.
- Berufsverband BSG-APA
Der Berufsverband Seelsorge im Gesundheitswesen stellte seine Arbeit vor. Er versteht sich als Plattform für berufliche Vernetzung, Wissensaustausch und die Entwicklung von Berufsstandards. Zentrale Anliegen sind die Erarbeitung eines Kompetenzprofils sowie Fragen der Zertifizierung und Qualitätssicherung.
- Themenfelder der Seelsorge im Gesundheitswesen
Auf Grundlage der Spotlights und der Diskussionen wurden sieben Themenfelder formuliert. Sie benennen zentrale Spannungen, die die Seelsorge im Gesundheitswesen prägen, unter anderem:
- gesellschaftliche Legitimation und Rechtfertigungsdruck,
- religiöse Vielfalt und konfessionelle Trägerschaft,
- Religionsfreiheit und interprofessionelle Integration,
- steigender Bedarf bei schwindenden Ressourcen,
- Professionalisierung und Fachkräftemangel,
- Sprache, Sichtbarkeit und Anschlussfähigkeit,
- wachsende Bedeutung ambulanter und mobiler Formen.
Die Themenfelder dienen als Orientierungsrahmen für die weitere Arbeit des KSiG.
- Open Forum: Rückmeldungen aus den Gruppen
Im Open Forum wurden die Diskussionen aus den Gruppenarbeiten gebündelt. Wiederkehrend thematisiert wurden Fragen der Legitimation, Finanzierung, rechtlichen Verankerung und Qualitätsstandards. Diskutiert wurde, wer bei kantonaler Verantwortung für die Finanzierung zuständig ist und wie Qualität verbindlich definiert werden kann, unter anderem durch klare Kompetenzprofile, Zusammenarbeit von Kirche, Berufsverband und Staat sowie Modelle einer doppelten Zertifizierung.
Weitere Schwerpunkte betrafen Wahrnehmung und Reputation der Seelsorge, ihre Verankerung im Gesundheitssystem sowie die Vielfalt der Begleitstrukturen, insbesondere im ambulanten Bereich.
- Impulsreferat Prof. Dr. Pierre-Yves Brandt: «Regionale Projekte – nationaler Mehrwert»
Pierre-Yves Brandt analysierte die Herausforderungen für die Kirchen und für ein nationales Kompetenzzentrum vor dem Hintergrund eines grundlegenden Wandels im Verhältnis von Kirche, Staat und Gesundheitswesen. Medizinischer Fortschritt, staatliche Verantwortung und religiöse Pluralisierung haben zu einer funktionalen Trennung geführt: Der Staat steuert das Gesundheitswesen, während die Kirche ihre frühere gesellschaftliche Deutungshoheit verloren hat. Daraus ergeben sich unterschiedliche Modelle der Seelsorge, mit direkten Konsequenzen für Zugang, Legitimation und Finanzierung, die in der Schweiz kantonal sehr unterschiedlich geregelt sind.
Vor diesem Hintergrund ordnete Brandt die Entstehung eines nationalen Kompetenzzentrums als strategischen Versuch ein, kirchliche Kompetenz, Professionalität und gesellschaftliche Verantwortung sichtbar zu machen. Anerkennung müsse jedoch aktiv erworben werden. Er identifizierte vier zentrale Herausforderungen: die Positionierung auf nationaler Ebene in gesundheitspolitischen Fragen, die Nutzung des Kompetenzzentrums als Ressource auf kantonaler Ebene, die Klärung der Rollen im Verhältnis zum Berufsverband sowie eine vertiefte kirchlich-theologische Reflexion über Auftrag und Selbstverständnis der Seelsorge in einer pluralen Gesellschaft. Massstab bleibe dabei stets das Wohl der verletzlichsten Menschen.
- Strategische Einordnung und Ausblick
In der strategischen Einordnung wurde deutlich, dass die Themen eng miteinander verknüpft sind. Die Aufgabe des KSiG besteht darin, diese in eine tragfähige Reihenfolge zu bringen und schrittweise zu bearbeiten. Zentrale Handlungsfelder sind die Entwicklung einer Marketing- und Kommunikationsstrategie, die weitere Professionalisierung in Abstimmung mit dem Berufsverband sowie eine verständliche und anschlussfähige Sprache.
Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung von Einigkeit, ökumenischer Zusammenarbeit und Sensibilität für die sprachliche und kulturelle Vielfalt der Schweiz. Zum Abschluss wurde der Blick nach vorne gerichtet. Seelsorge im Gesundheitswesen ist präsent, professionell und gesellschaftlich relevant. Die Weiterentwicklung dieses Arbeitsfeldes gelingt nur gemeinsam – über Sprachregionen und Konfessionen hinweg.
Die nächste nationale Konferenz findet am Freitag, 30. Oktober 2026, in Luzern statt.
Den ausführlichen Tagungsbericht finden Sie hier: Tagungsbericht Nationale Konferenz Seelsorge im Gesundheitswesen_19.1.2026

